Man sieht nur mit dem Herzen gut…

Im September absolvierten 30 Schülerinnen und Schüler mit ihren Lehrern aus der Evangelischen Schule Berlin-Frohnau ein mehrtägiges Sozialpraktikum in Einrichtungen der Stephanus-Stiftung in Templin. Lehrerin Heidrun Nitsch schrieb dazu folgenden Beitrag:

Wir machen mit jeder 10. Klasse ein Sozialpraktikum. Und immer wieder gibt es Eltern, die sich fragen: Muss das denn sein? Wäre nicht ein Betriebspraktikum viel sinnvoller? Was bringt es meinem Kind, fast zwei Wochen in dieser Einrichtung mit behinderten Menschen zu arbeiten? Warum soll ich mein Kind mit „so etwas belasten?“.

Auch ich habe meine Schwierigkeiten, wenn ich Menschen mit geistigen Behinderungen begegne. Ich bin verunsichert, wie ich mich der Person gegenüber verhalten soll. Was versteht sie überhaupt? Was mache ich, wenn sie mich etwas fragt und ich es nicht verstehe? Was, wenn sie mich plötzlich umarmt? Ich habe Angst. Ich bin überfordert. Und das lässt mich auf Abstand gehen. Das ist keine böse Absicht, sondern einfach Unsicherheit. Streng genommen bin ich hier die Behinderte.

Und so war ich sehr gespannt auf mein erstes Sozialpraktikum in Templin.

In der Bibel wird immer wieder auf das Gebot der Nächstenliebe hingewiesen. Diese haben wir in den 10 Tagen vollzogen. Mein Nächster ist nämlich nicht nur derjenige, den ich sowieso schon mag: meine Eltern, mein Onkel oder mein Freund. Sondern derjenige, den Gott mir in den Weg stellt – ob diese Person nun schwarz oder weiß, reich oder arm ist, ein Handicap hat oder nicht. Ich persönlich bin aufgerufen, die Liebe Jesu ganz praktisch an meinen Nächsten weiterzugeben. Dass er merkt: Ich gehöre dazu, wie jeder andere auch. Und wir können auch von unserem Nächsten lernen.

Auch von den Menschen mit Beeinträchtigungen in Templin.

Menschen mit Behinderung, und das haben wir erlebt, sind wie kleine Kinder. Sie strahlen häufig eine unglaubliche Lebensfreude und Dankbarkeit aus. Sie machen genau das, was sie gerade wollen, ohne Scham, ohne Angst anzuecken. Sie singen laut und falsch in der Öffentlichkeit. Sie lachen laut. Sie kommen und begrüßen uns herzlich mit einer dicken Umarmung (Und wir fühlen uns im ersten Moment hilflos, sind diese Nähe nicht gewohnt). Sie freuen sich über Kleinigkeiten auch noch Jahre später. Behinderte Menschen lehren uns, dass das Leben mehr ist, als nur das Streben nach Erfolg, Gewinn und Ansehen. Manche von ihnen sind in bestimmten Lebensbereichen überdurchschnittlich begabt. Wer also meint, in Menschen mit geistiger Behinderung nur investieren zu müssen, ohne etwas zurück zu bekommen, der irrt gewaltig.

Wir bekamen mit dem Sozialpraktikum die Chance, diese wunderbaren Menschen kennenzulernen...Werner, Christine, Petra, Finn, Edwin u.v.m. Wir traten mit ihnen in Kontakt, und wir bauten Berührungsängste ab, indem wir Berührung zuließen und das Fremde langsam zum Vertrauten wurde. Wir überwanden unsere eigenen Hemmschwellen und traten unserem Gegenüber offen und freundlich entgegen. Wir nahmen den anderen wahr, wir schlossen ihn in unser Herz. Denn schon der Fuchs in der Geschichte des kleinen Prinzen hat festgestellt: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar." (Antoine de Saint- Exupéry)

Es sind in der Kürze der Zeit Beziehungen entstanden. In Gesprächen mit meinen Schülern kam heraus, dass sie durch die Herausforderungen gewachsen sind, dass sie ihre Perspektive verändert haben, offener geworden sind, gelernt haben, auch mal „Stopp“ zu sagen, gereifter, vielleicht auch ein Stück dankbarer geworden sind, dass es ihnen so gut geht, sie gesund sind und in einem guten Umfeld leben, geliebt von ihren Familien.

Grund genug vielleicht, seine Vorbehalte zum Sozialpraktikum noch einmal zu überdenken. Denn gerade durch die erlebten Begegnungen und Auseinandersetzungen mit behinderten Menschen wurden bestehende Vorbehalte und Ängste von uns mehr und mehr abgebaut. Für mich Grund genug, dieses Sozialpraktikum immer wieder neu zu befürworten.

Ich bin sehr dankbar für diese Zeit.

 

Heidrun Nitsch

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