Verständnis und Akzeptanz - besonders wenn das Heimweh stärker wird

Seit April dieses Jahres verantwortet der Stephanus Geschäftsbereich Kinder-, Jugend- und Familienhilfe (KJH) im Landkreis Märkisch-Oderland eine Wohngemeinschaft für minderjährige, allein reisende geflüchtete Jugendliche. Aufgebaut hat diese neue Aufgabe Matthias Kitzing. Er ist Leiter verschiedener KJH-Angebote der Stephanus-Stiftung im Landkreis Märkisch-Oderland und berichtet im nachfolgenden Interview mit Martin Jeutner über die aktuelle Situation in dieser neuen Aufgabe.

Herr Kitzing, wie viele geflüchtete Jugendliche begleiten Sie derzeit und aus welchen Ländern kommen sie?

Im Moment begleiten wir acht Jugendliche und Erwachsene. Sieben kommen aus Afghanistan und einer aus Gambia.

Wie sieht der Alltag für die Jugendlichen aus?

Sie leben hier in einer gemütlichen Wohngemeinschaft mit Einzel- und Doppelzimmern sowie einem Wohnzimmer. Vormittags besuchen die Jugendlichen die Schule oder absolvieren ein Praktikum zur Berufsvorbereitung. Nachmittags tun sie das, was andere auch tun: Hausaufgaben, Fußballspielen auf unserem Bolzplatz, Sprachunterricht oder Freunde besuchen. Mit unseren Mitarbeiter*innen gehen sie auch selbst einkaufen und kochen abends gemeinsam.

Also alles ganz normal?

Ja, kann man so sagen. Ich erlebe ganz viel Freundlichkeit und Gastlichkeit bei den Jugendlichen. Sie sprechen viel über Erlebtes. Und dabei nehme ich wahr, wie schnell sie unsere Sprache erlernen und sich im Alltag immer besser verständigen.

Welchen Herausforderungen müssen sich die Jugendlichen insbesondere stellen?

Unsere Kultur zu verstehen, fällt ihnen nicht leicht. Aber die Jugendlichen wollen herausfinden, wie wir Deutschen ticken und warum bestimmte Aspekte wichtig sind. Zum Beispiel zu einem bestimmten Termin pünktlich da zu sein, beim Arzt oder in der Schule. Auch andere Kulturkreise zu akzeptieren ist eine Herausforderung. Zwischen Afghanistan und Gambia liegen Welten.

Habe sie schon Kontakte in der Nachbarschaft oder Umgebung knüpfen können?

Ja, zu Sportvereinen oder zum Jugendclub in Petershagen. Es sind auch schöne Kontakte zu Nachbarn im Ort entstanden, die sich ehrenamtlich einbringen. Ich denke an den engagierten Mann, der mit den Jugendlichen Fahrräder instand setzt. Da ist auch die pensionierte Lehrerin mit ihrem geduldigen Sprachunterricht. Oder die Mutter eines Praktikanten, die mit gezielten Spenden hilft. Und da sind die freundlichen Kolleg*innen im Verbund der Stephanus-Stiftung, die mit Ideen und Spenden unterstützen. Es gibt auch gute Kontakte zur Kirchengemeinde. Dank einer Spende konnten wir jetzt sogar zwei Kanus kaufen, die gern genutzt werden.

Wie viele Mitarbeiter*innen sind derzeit in der Einrichtung tätig und verständigen die sich mit den Jugendlichen?

Derzeit sind fünf Pädagoginnen und Pädagogen direkt in der Wohngemeinschaft tätig. Unterstützend kommt eine Familientherapeutin für die Biographiearbeit dazu. Insgesamt arbeiten die Kolleg*innen aus allen Wohngemeinschaften im ganzen Haus sehr gut zusammen.

Wie würden Sie aktuell die größten Herausforderungen Ihrer Mitarbeiter*innen beschreiben?

Sie benötigen viel Geduld und Überzeugungskraft, um die jungen Menschen immer wieder zu motivieren. Besonders wenn das Heimweh stärker wird, sie einen Durchhänger haben und ihre biographischen Belastungen hochkommen. Da ist es besonders wichtig, sie mit Verständnis und Akzeptanz zu unterstützen. Jeden Tag bauen wir Brücken oder organisieren Hilfen, wenn es zum Beispiel Schwierigkeiten im Asylverfahren gibt.

Wurden Ihre Mitarbeiter*innen speziell geschult oder hatten eine andere Vorbildung?

Einige der Kolleg*innen haben konkrete berufliche und auch persönliche Erfahrungen im Umgang mit geflüchteten jungen Menschen. Darüber hinaus nehmen sie an internen oder externen Fortbildungen teil. Themen sind unter anderem Asylrecht, kulturelle Differenzen, interkulturelle Kommunikation oder Trauma-Pädagogik.

Wie lange bleiben die Jugendlichen in der Wohngruppe?

Das ist noch nicht so klar zu beantworten. Die Jugendlichen können so lange bleiben, wie das Jugendamt in den regelmäßigen Hilfeplangesprächen ihre Motivation zu Sprache und Ausbildung, zur Integration also, erkennen. An diesen Gesprächen nehmen immer die Vormünder und Dolmetscher teil. Das Jugendamt schätzt dann ein, ob die Wohngemeinschaft für jeden einzelnen der jungen Menschen geeignet und hilfreich ist.

Wie sieht ihr weiterer Weg in etwa aus?

Im besten Fall beginnen sie nach der Schule mit einer Ausbildung, einem Praktikum oder finden eine Arbeit. Viele von ihnen haben Heimweh und halten engen Kontakt zur Familie. Die meisten würden bei einem Frieden sofort in ihre Heimat zurückkehren. Deshalb empfinde ich unseren Dienst hier im besten Sinne als Entwicklungshilfe für die Heimatländer.

Und was wünschen Sie sich als Leiter dieser Einrichtung?

Ich wünsche mir, dass in den Heimatländern der Jugendlichen endlich Frieden ist und sie nach Hause zurückkehren können. Ich würde sie dann wirklich gerne dort einmal besuchen. Und für die, die dauerhaft hier in Deutschland leben möchten, wünsche ich uns gemeinsam eine gelingende Integration und bin sehr dankbar für das große persönliche Engagement der Menschen hier vor Ort.

Vielen Dank für das Gespräch.

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