145 Jahre Stephanus Teil 3

Das Seniorenzentrum Haus Müggelspree in Berlin-Köpenick wurde 2013 eingeweiht. Dort leben ältere Menschen mit unterschiedlichem Assistenzbedarf sowie Menschen mit Behinderung.

Was zeichnet die Stephanus-Stiftung aus? 145 Jahre lang hat sich diese christliche Organisation in mehreren Epochen deutscher Sozialgeschichte nicht nur behauptet. Vielmehr haben sich die agierenden Menschen zu jeder Zeit auch sozialpolitisch mit eingebracht. Oft betraten sie dabei Neuland, entwickelten innovative Denk- und Handlungsansätze und legten sich dabei gelegentlich auch mit Vertretern der Politik an. In drei Kapiteln stellt Martin Jeutner die Geschichte der Stephanus-Stiftung dar und schließt die die Reihe ab mit dem Zeitraum von 1990 bis 2023.

Neue Perspektiven nach der Wende

Nach der politischen Wende 1989 konnte sich die Stephanus-Stiftung deutlich weiterentwickeln. In Berlin und im Land Brandenburg wechselten mehrere, bisher staatliche Pflegeeinrichtungen, in ihre Trägerschaft. Gleichzeitig wurden für alle Arbeitsfelder konzeptionelle Neuausrichtungen auf den Weg gebracht. Das führte nicht nur zu umfangreichen Modernisierungsarbeiten an den Standorten, sondern auch zu einer ganzen Reihe von Neubauten.  

Die neue Professionalisierung begann im Geschäftsfeld Bildung. Bereits zu DDR-Zeiten gab es in der Stiftung evangelische Kindertagesstätten sowie Bildungsangebote für Kinder und Erwachsene mit geistiger Behinderung. Im September 1990 konnte die Stephanus-Stiftung in Berlin-Weißensee ihren schulischen Betrieb aufnehmen. Sie erlangte die Genehmigung dafür noch vor der Wiedervereinigung und die Stephanus-Schule war somit die erste Schule für Kinder mit geistiger Behinderung im Ostteil der Stadt Berlin.

Im Bereich Eingliederungshilfe gab es in den 1990er Jahren ebenfalls eine deutliche Erweiterung und Professionalisierung. Dank der neuen politischen Rahmenbedingungen entwickelten sich aus den früheren „Anlernwerkstätten“ an den Wohnstandorten für Menschen mit Behinderung nun die Stephanus-Werkstätten in Berlin, Templin, Bad Freienwalde sowie in Ostprignitz-Ruppin, mit jeweils mehreren Betriebsstätten. Sie bieten heute Ausbildungsmöglichkeiten sowie zahlreiche Dienstleistungen in unterschiedlichsten Bereichen und Eigenprodukte an.

Die bisherigen Wohnangebote für junge und erwachsene Menschen mit Behinderung durchliefen bis in die Gegenwart zahlreiche Entwicklungsstufen. Neue ambulante Wohnformen und veränderte stationäre Wohnkonzepte ermöglichten nun Teilhabe und Eingliederung mit ganz anderen Rahmenbedingungen.

Auch die Zentrale Verwaltung erfuhr in den letzten drei Jahrzehnten mehrere Veränderungsprozesse. Von der schrittweisen Einführung der elektronischen Datenverarbeitung bis hin zu modernen, heute überwiegend digitalen Verwaltungsprozessen, hatten die Mitarbeitenden in den laufenden Veränderungen einiges zu bewältigen.  

Eine deutliche Zäsur gab es nach der Jahrtausendwende. Bis dahin hatte sich die Stephanus-Stiftung wirtschaftlich und strategisch solide aufgestellt. Ab dem Jahr 2003 entwickelte sich die Zusammenarbeit mit der St. Elisabeth-Stiftung, die in ähnlichen Geschäftsfeldern diakonische Dienste in Berlin und Brandenburg anbot. Im Januar 2004 unterzeichneten die Vorsitzenden beider Kuratorien einen Vertrag zur künftigen Zusammenarbeit in einer „Stiftungsgemeinschaft“. Parallel dazu entwickelte sich auch die enge Kooperation mit der Potsdamer Hoffbauer-Stiftung.

In den Folgejahren führten die drei Stiftungen ihre Einrichtungen zusammen und organisierten sie neu in separaten Sparten gemeinnütziger Tochtergesellschaften: Die Stephanus-Werkstätten (unter dem Dach der Stephanus-Stiftung und in Kooperation mit dem Ev. Johannesstift), die St. Elisabeth gGmbH für die Pflege, die Hoffbauer gGmbH für den Bereich Kitas und Schulen sowie die Firmaris gGmbH im Bereich der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe (in Kooperation mit der Berliner SozDia Stiftung). Die Wohnangebote für Menschen mit Behinderung wurden weiterhin in der Stephanus-Stiftung verantwortet.  

Um die Zusammenarbeit innerhalb der Stiftungsfamilie zielführend effektiver abzustimmen und strategisch immer wieder neu auszurichten, trafen sich die Führungskräfte spartenübergreifend zu Regionalkonferenzen. Damit konnten sie besser auf die sich stetig verändernden politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen reagieren.  

In den nächsten 10 Jahren verfestigte sich durch diese Entwicklungen die strategische Positionierung sowie die wirtschaftliche Stabilität der Stiftungsgemeinschaft. Die Zahl der Einrichtungen nahm stetig zu. Mit über 4.000 Mitarbeitenden erbrachten die fünf Geschäftsfelder soziale Dienstleistungen, die täglich mehr als 10.000 Menschen in Anspruch nahmen.  

Eine nächste Zäsur erfuhr das Gesamtunternehmen ab dem Jahr 2013, die in einen erneuten Veränderungsprozess der Unternehmensstruktur mündete. Weil ihr Satzungsauftrag in der Stephanus-Stiftung weitergeführt wird, ging St. Elisabeth-Stiftung als juristische Person Ende 2013 in der Stephanus-Stiftung auf. (Siehe Interview mit Dietmar Streit) Die Hoffbauer-Stiftung als auch die SozDia Stiftung gingen wieder eigene Wege.  

Im Ergebnis des Entwicklungsprozesses „Perspektive Stephanus“ führte die Stephanus-Stiftung in den Folgejahren schrittweise die meisten ihrer gemeinnützigen Tochtergesellschaften unter dem Dach der „Stephanus gGmbH“ zusammen. Parallel dazu wurden weitere Gesellschaften für das Thema Catering, Verwaltung sowie ein Inklusionsunternehmen gegründet. Mit der „Stephanus Lichtblick gGmbH“ widmete sich die Stiftung im Havelland der Begleitung und Förderung von Menschen mit einer psychischen Erkrankung. Ab 2016 wurden der Stephanus-Stiftung verschiedene Aufgaben in der Flüchtlingsarbeit übertragen, so dass sich daraus der Geschäftsbereich „Migration & Integration“ entwickelte.

Während dieser Strukturveränderungen erschlossen sich alle Geschäftsbereiche neue Arbeitsfelder und eröffneten neue Einrichtungen oder ambulante Angebote. Daraus ergab sich auch weiterhin eine erhöhte Bautätigkeit in den Berliner und Brandenburger Regionen: es entstanden sowohl Seniorenzentren, Schulen und Kindertagesstäten, Betriebsstätten und Außenarbeitsplätze als auch ambulante Wohnangebote für Menschen mit Behinderung sowie ein modernes Gebäude für die Zentralen Dienste, wo zeitgemäßes digitales Arbeiten selbstverständlich ist.

Die Corona-Pandemie hat die Stephanus-Stiftung gut überstanden und stärkte, trotz äußerster Belastungen, den inneren Zusammenhalt. Zahlreiche Mitarbeitende waren bereit, sich auch an anderen Standorten einsetzen zu lassen, um alle Dienste abzusichern. So konnten sich die vielen Klientinnen und Klienten zu jeder Zeit darauf verlassen, dass sie bestmöglich unterstützt und begleitet wurden.

Seit August 2023 steht der Stephanus-Stiftung mit Pfarrerin Dr. Ellen Ueberschär erstmals eine Frau vor. Gemeinsam mit dem kaufmännischen Vorstand Harald Thiel hat der Vorstand nun das nächste Entwicklungskapitel der Stephanus-Stiftung aufgeschlagen.

Martin Jeutner

 

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