Erinnerung an Paul-Gerhard Braune

Pastor Paul Braune

Am 19. September 2019 erinnern wir uns an den 65. Sterbetag von Pastor Paul-Gerhard Braune. Er war einer der herausragenden Persönlichkeiten, die sich in den 40er und 50er Jahren für den Erhalt und die Entwicklung der diakonischen Arbeit in der Stephanus-Stiftung einsetzten.

In den Weltkriegen sah und erlebte er unmenschliches Leid. Öffentlich und aktiv positionierte sich Pastor Braune gegen die nationalsozialistische Diktatur. Im Gefängnis der Geheimen Staatspolizei in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße ertrug Paul Braune Erniedrigungen und Angriffe gegen Wahrheit und christliche Nächstenliebe. Wegen seines Eintretens für vom Nationalsozialismus gefährdete Menschen und verfolgte Randgruppen der Gesellschaft erlebte er Anfeindungen und Verleumdungen. Auch nach Kriegsende 1945 stellte er sich den willkürlichen Drangsalierungen kirchlich-diakonischer Arbeit unter der kommunistischen Diktatur entgegen. Ihm zum Gedenken gibt es auf dem Gelände der Stephanus-Stiftung das Paul-Braune-Haus.

Paul-Gerhard Braune wurde am 16. Dezember 1887 als sechstes Kind des Pfarrers Friedrich Braune und seiner Ehefrau Agnes Braune in Tornow, Kreis Landsberg an der Warthe, geboren. Sein Theologiestudium absolvierte er in Halle, Berlin und Bielefeld. Prägend war dort die Begegnung mit Friedrich von Bodelschwingh d .Ä. und die praktische Mitarbeit in der Bielefelder Einrichtung Bethel, für Menschen mit Behinderung.

Von 1913 bis 1922 war er Pfarrer in Hohenkränich bei Schwedt/Oder. Dann folgte er dem Ruf Friedrich von Bodelschwinghs und wurde Leiter der durch Krieg und Nachkrieg in ökonomische Not geratenen Hoffnungstaler Anstalten Lobetal nördlich von Bernau bei Berlin. Braune sanierte dort die Einrichtungen und leitete sie bis zu seinem Ableben 1954.

Ab 1926 führte Pastor Paul Braune die Geschäfte der drei reichsweit agierenden interkonfessionellen Wanderfürsorgeverbände. Er war Mitglied im Centralausschuss (CA) für Innere Mission und wurde 1932 dessen Vizepräsident. Dort setzte er sich konsequent gegen eine Vereinnahmung der Inneren Mission durch die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) ein. Insbesondere nach der „Reichskristallnacht“ 1938 half Pastor Paul Braune zahlreichen sogenannten nichtarischen Christen und jüdischen Menschen, von denen einige in den Hoffnungstaler Anstalten Asyl fanden.

1945 übertrug man ihm das Amt des Präsidenten im Zentralausschuss der Inneren Mission (Ost) und 1947 wurde er zum Domherr zu Brandenburg gewählt. 1948 erhielt er den theologischen Ehrendoktor.

Als bedeutender Akt protestantischen Widerstandes im Nationalsozialismus gilt Pastor Braunes Kampf gegen die Euthanasie. Er verhinderte den Abtransport von psychisch kranken Bewohnerinnen und Bewohnern aus Lobetal. Darüber hinaus verdichtete er Informationen über planmäßige Verlegungen und massenhafte Todesmeldungen von Menschen mit Behinderung oder psychischer Erkrankung aus dem gesamten Reichsgebiet und veröffentlichte sie in einer Denkschrift. Deshalb wurde er 1940 von der Gestapo verhaftet. Nach seiner Freilassung setzte sich Braune für verhaftete homosexuelle Bewohner der Hoffnungstaler Anstalten ein. Erfolglos schrieb er Gnadengesuche für die zum Tode verurteilten Menschen.

Als Präsident der Inneren Mission (Ost) avancierte Braune nach 1945 zu ihrem einflussreichsten Vertreter in der „sowjetisch besetzten Zone“ und späteren DDR. 1953 gelang ihm durch die Abwehr der staatlichen Übernahme der Lobetaler Anstalten ein grundsätzlicher Erfolg, der auch das eigenständige Fortbestehen der Inneren Mission in der DDR sichern half. Die außerordentlich schwierige politische und wirtschaftliche Situation der Stephanus-Stiftung (damals noch „Bethabara-Stiftung“) erforderte entschlossene Maßnahmen. So bittet Pastor Theodor Wenzel seinen langjährigen Mitstreiter und Freund Paul Braune, die Stiftung zu unterstützen. Zu seinen bestehenden Aufgaben in Lobetal übernahm Pastor Braune dann von 1942 bis 1954 die Position des stellv. Kuratoriumsvorsitzenden der Stephanus-Stiftung. Trotz seiner vielfältigen Aufgaben engagiert er sich für die Stiftung und bringt sich mit allen seinen Kräften in die Leitungsarbeit ein. Er entsendet 1942 seine Sekretärin aus Lobetal, Fräulein Else Scholz, und zwei weitere Mitarbeiter in die Stephanus-Stiftung. Else Scholz übernimmt hier die Leitung vor Ort in Weißensee.

Die vertrauensvolle Zusammenarbeit von Braune und Wenzel bringt reiche Frucht und beeinflusst entscheidend den Aufbau, die Wirtschaftlichkeit und das Glaubensleben der Stiftung. Ihre Art der positiven Einflussnahme und Entwicklung, bei der sie sich die Aufgaben nach ihren „guten Gaben“ teilten und sich „die Bälle zuwarfen“, war für die Stiftung in dieser Zeit außerordentlich förderlich und überlebenswichtig. Sie bewahrten die Stiftung vor einer möglichen Übernahme durch die nationalsozialistische Volkswohlfahrtspflege (NSV). Trotz wirtschaftlicher Defizite, Evakuierung der Bewohner, Bombenangriffen, Kriegszerstörung und Teilbesetzung russischer Truppen gelang ihnen die Erhaltung der Stiftung. Schon nach den ersten Zerstörungen nach Bombenangriffen auf Berlin, begannen sie 1942 mit den Planungen zum Wiederaufbau.

Die Wohlfahrtsarbeit ist für Paul Braune und Theodor Wenzel praktizierte Nächstenliebe aus tiefstem Glauben. Innere Missionierung und die Ermutigung zur Nächstenliebe und damit verbundene Liebesgaben in den kirchlichen Gemeinden und Arbeitsgemeinschaften der Diakonie sowie diakonische Hilfe für Kinder, Waisen, Alte, Hilfsbedürftige und Schwache, gehörten für sie zusammen. Das erforderte eine ständige Bestärkung und den Austausch über Glaubensfragen. Deshalb planten und errichteten sie in Weißensee neben dem benachbarten „Haus der Kirche“ in der Parkstraße nach Kriegsende ein diakonisches Hilfs- und Missionszentrum für den Bereich der „sowjetisch besetzten Zone“. Im Mittelpunkt stand eine christliche Begegnungsstätte. Hier fanden unzählige Konferenzen, Tagungen und Rüstzeiten statt sowie tägliche Andachten und Gottesdienste. Viele, viele Menschen lernten durch ihre Teilnahme die Arbeit der Stiftung kennen.

Die sich daraus ergebenen Verbindungen waren sehr wichtig für die Vernetzung und Weiterentwicklung der diakonisch-missionarischen Arbeit von Innerer Mission und Berlin-Brandenburgischer Kirche. Das Anliegen: „Gott in uns, im Alltäglichen erlebbar zu machen.“ In seinem beruflichen Alltag begann Pastor Paul Braune in der Regel jede Sitzung und Besprechung mit einer kleinen Andacht – einem Gebet. Ihm war es wichtig, dies als Handlungsanleitung zu verstehen, den Glauben und damit Gott auch im täglichen Arbeitsleben erfahrbar und gegenwärtig zu machen.

Am 19. September 1954 starb Paul-Gerhard Braune während eines Aufenthaltes in den von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel in Bielefeld. Pastor Willi Federlein, Leiter der Stoecker-Stiftung seit 1951, telegrafierte nach Erhalt der Todesnachricht: “Wir bleiben verbunden!“ Was Paul Braune in seinem Leben wichtig war, kam in seiner letzten Predigt zum Ausdruck, die er am 11. Juli 1954 in Lobetal gehalten hat: Orientiert am Bibeltext im 2. Kor. 4, 13-18: „Ich glaube, darum rede ich auch. Wer glaubt, der kann nicht schweigen. Wer glaubt an die Wirklichkeit Gottes, der muss reden, der kann nicht stumm sein. Eine Kirche, die nicht redet, die nicht Mission treibt, die nicht an den Menschen herangeht, ist keine Kirche. Und ein Christ unter uns, der nichts davon weitergeben kann von dem, was er empfängt, ist kein Christ. Darum sagen wir: „Wir glauben, darum reden wir.“ In allen schwierigen Zeiten und bei allen Veränderungen sah Pastor Paul Braune immer auch Befreiung, Hoffnung und vor allem ein Neubeginn.

Uwe Gerson
Stephanus-Archiv

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