Gedanken in einer Zeit, in der Abstand Nähe bringt

Am Anfang dieses Jahres habe ich einen Bericht geschrieben. Er hatte die Überschrift „Alles ist möglich“ und ich griff damit das Jahresmotto der Stephanus-Stiftung auf. Voller Freude blickten wir zurück auf unseren zauberhaften Weihnachtsmarkt.

Unser  Jahresfest 2020 – 30 Jahre Seniorenzentrum am Bürgerpark, wurde mit großer Vorfreude angekündigt.

Die Vorbereitungen für das Fest liefen freudvoll, Programmpunkte wurden besprochen und gebucht … alles wie immer... 

Noch im Februar feierten wir das Faschingsfest und die BewohnerInnen schwangen mit unseren Mitarbeitenden zur Musik der „goldenen Zwanziger“ begeistert das Tanzbein. Es war ein ausgelassenes Fest! 

…fast alles wie immer …

Ganz versteckt im Hinterkopf, mit Blick über die Grenzen hinaus, schlich sich bei dem Einen oder Anderen ein mulmiges Gefühl ein. Spätestens als Italien von der Erkrankung des Virus betroffen war, wussten wir: An der Grenze zu Deutschland macht dieser neue, bisher unbekannte Virus nicht halt.

Seitdem geht es Schlag auf Schlag – Mitteilungen, Beschlüsse, Gesetzesänderungen, Anordnungen, Grenzen schließen, Kontaktsperre, Ausgangsbeschränkung … Das Leben eines Jeden wurde von heute auf morgen auf den Kopf gestellt. Entscheidungen, die jeden Tag anstehen und manchmal wider des guten Gefühls getroffen werden müssen.

Stillstand 

Alles ist möglich. So leben wir auch jetzt in dieser besonderen Zeit:
es ist möglich Briefe zu schreiben;
es ist möglich mit Abstand ganz viel Nähe zu haben;
es ist möglich Pakete auszupacken;
es ist möglich sich an Dingen zu erfreuen, die man sonst nicht wahrgenommen hat. 

Alles ist möglich:

Es ist möglich, dass sich Menschen finden, die unterstützen.  Wir bekommen selbstgenähte Mundtücher zugeschickt, damit sich Mitarbeitende und BewohnerInnen schützen können. Alles ist möglich.  

Ich sitze jetzt in meinem Büro, in Gedanken verloren. Vieles bewegt nicht nur mich in dieser so „ANDEREN“ Zeit.

So schreibe ich einfach darauf los. Mir gegenüber eine Magnetwand mit vielen “Jahresbotschaft” Karten der vergangenen Stephanus-Stiftungsjahre.

Einige davon: 

“Achtung” – “Anfangen” - “geht los” - “Mut” - “alles ist Liebe” - ”bist du da” - “ja sagen” “Du bist mein Glück” - “Alles Liebe” - “Lass dich überraschen” und etwas versteckt “Suche Frieden und jage ihm nach“ 

All dies habe ich jeden Tag vor Augen. Wir Mitarbeitenden werden zu jeder Jahresbotschaft  einen Bilderrahmen gestalten. Mit all dem, was unsere Seniorenzentrum Am Bürgerpark in den vergangen 30 Jahre ausmachte und was wir heute damit verbinden. 

Jede einzelne Botschaft lese ich gerade jetzt, in dieser Zeit, mit anderen Augen:  

Achtung:
Sorgt für euch und für andere, damit wir gut durch diese Zeit kommen! 

Anfangen:
Lasst uns anfangen die kleinen Dinge wahrzunehmen, die wir in der Hektik des Alltags oft übersehen!

Es fallen mir so viele Dinge ein – Ihnen auch? Schicken Sie uns Ihre Gedanken! Wir möchten sie nur zu gern erfahren und in unsere Ausstellung aufnehmen. 

Alles ist möglich!

Derzeit halten wir Abstand. Seit Wochen bewegt uns die Kontaktsperre. 

Wie gehen wir damit um? Mit „etwas“, was noch nie dagewesen ist? Wie erklären wir diese Situation den uns anvertrauten Menschen. Menschen, die den Krieg erlebt haben, die in ihrem Leben schon Abschied von so Vielem nehmen mussten. Menschen, die hier ein neues zu Hause gefunden haben, engen und liebevollen Kontakt zu ihrer Familie pflegen. 

Stillstand ist schwer zu ertragen. Wir können keine Gruppenangebote machen, Ausflüge müssen abgesagt werden. Auf Besuch müssen unsere BewohnerInnen verzichten. Die Natur beschenkt uns mit ihrer Schönheit. Die Frühlingssonne scheint,  die Bäume treiben ihre Blüten aus und Pflanzen beginnen sich zu entfalten. Gerade jetzt heißt es: Stopp - keine Spaziergänge mit der geliebten Familie. 

Ich bin dankbar, dass ich großartige Mitarbeitende habe. Trotz der eigenen Sorgen, stellen sie sich immer und zu jeder Zeit zugewandt und geduldvoll den Fragen und Sorgen unserer BewohnerInnen.

Jetzt wird die liebevolle Nähe mit Abstand gegeben, jeden Tag erneut.

Alles ist möglich! Wir werden diese Zeit gemeinsam überwinden. Während ich diese Zeilen schreibe,  erreicht mich der Anruf:  Eine alte Dame ist in ihrer Wohnung allein und verzweifelt. Gemeinsam suchen wir Wege, zu helfen. Nur eine Situation von ganz vielen die verbinden in dieser Zeit. 

Wir hoffen und beten jeden Tag. Dafür, dass die uns Anvertrauten gesund bleiben und die Mitarbeitenden in den Einrichtungen der Stephanus-Stiftung weiter die Kraft haben gemeinsam diesen Weg zu gehen. Wir beten auch für alle anderen Menschen auf dieser wunderbaren Welt, dass sie diese Zeit gemeinsam überstehen werden. 

Wir sind glücklich, der Stephanus-Stiftung anzugehören. Teil dieser diakonischen Gemeinschaft zu sein. 

Das, was wir hier mit- und untereinander erleben: Das ist Diakonie! Und Diakonie geht weit darüber hinaus. Menschen, die nie gebetet haben, treffen sich zum täglichen Gebet. Menschen schöpfen Hoffnung und finden Trost. Wir bitten und hoffen, dass alle gesund bleiben - die, die uns anvertraut sind und diejenigen, welche Hilfebedürftige umsorgen, wo und wann immer es nötig ist.

Danke, dass es Sie gibt! 

An dieser Stelle ein großes Dankeschön auch an alle Angehörigen, die Verständnis für die  derzeitige  Situation aufbringen. An Jene, die uns unterstützen: Mit einem guten Wort oder ihren Gedanken in handgeschrieben Zeilen. Bleiben Sie alle behütet und geborgen.

Für diejenigen, die gern unterstützen möchten: Fühlen Sie sich willkommen! Schreiben Sie für unsere BewohnerInnen Briefe, malen Sie Bilder oder schenken Sie uns Allen einen Gedanken. Unsere BewohnerInnen spüren das und unsere Mitarbeitenden auch. 

DANKE 

Unser Fest zum 30-jährigen Bestehen müssen wir leider verschieben. Keiner weiß, was die Zeit uns bringt… Der neue Termin kommt bestimmt. 30+1 lässt sich ganz sicher genauso gut feiern. Diese Vorfreude dürfen wir mit in die vor uns liegende Karwoche hinein nehmen. 

Bleiben Sie gesund! Geben Sie Nähe mit Abstand! Lassen Sie uns gemeinsam auf das vor uns liegende Osterfest freuen, welches 2020 wohl anders gefeiert wird: Wieder etwas Einmaliges. 

Alles ist möglich!

In tiefer Verbundenheit  

Katrin Müller im Namen aller Mitarbeitenden unseres Hauses  

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