Naturtalente im Wald.

In der Templiner Waldhofschule lernen Kinder mitten im Wald, wie ein Ökosystem funktioniert – und nebenbei so wichtige Dinge wie Teamgeist und Geduld.

An diesem kühlen Septembermorgen beginnt der Unterricht in der Waldhofschule mit einer deutlichen Ansage: „Baum fällt“, schreit Joachim Lange. Seine Motorsäge röhrt auf, ein lautes Knacken. Dann fällt die 30 Meter hohe Kiefer, reißt ein paar Äste der umstehenden Baumwipfel mit und schlägt mit einem dumpfen Knall auf den weichen Waldboden, er bebt leicht. Frisches Holz und Harz würzen die Luft. „Ich habe noch nie so einen dicken Baum umfallen sehen“, sagt der achtjährige Connor und rückt seine Brille zurecht.

In wenigen Minuten hat Förster Joachim Lange den mächtigen Stamm entastet und in zehn Teile zersägt. „Den müssen wir jetzt verräumen“, ordnet er an und beginnt damit, Werkzeuge an die Kinder zu verteilen. Grundschulkinder als Forstarbeiter? In der Waldhofschule des Templiner Waldhofes der Stephanus-Stiftung läuft der Unterricht eben etwas anders. 260 Kinder mit und ohne Behinderung lernen in der „Schule für alle“ gemeinsam. Seit über 150 Jahren leben und arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung auf dem Waldhof. Zum besonderen Angebot für die Schulkinder gehört auch das Waldprojekt. Die Schule hat den Templiner Stadtwald gepachtet und bewirtschaftet ihn. Herz und Seele des ungewöhnlichen Projektes ist Schulförster Joachim Lange.

Der 45-Jährige betreut das 2.000 Hektar große Gebiet und bringt den Kindern regelmäßig das komplexe Ökosystem näher – nicht theoretisch an der Tafel, sondern mitten in der Natur.

Knietief stehen die Kinder in Farnen, Gräsern und Sträuchern. Bei jedem Gummistiefel-Schritt knacken Zweige. Der Waldboden ist von Blaubeeren übersät. „Fast wie ein Blaubeer-Meer“, findet Jorin. „Das ist cool, ne?“ Der Siebenjährige hat einen Fällheber bekommen und müht sich am gefällten Stamm. Mit der Riesenzange umfasst er eines der zehn Baumstücke und soll es in eine bessere Transport-Position rollen. Connor hilft ihm dabei. Ihre orangefarbenen Schutzhelme stoßen zusammen als sich beide im Übereifer über den Stamm beugen. Sie setzen den Heber an, ziehen, zerren, ächzen. Doch das Stück bewegt sich kaum. Jetzt rutschen auch noch die Zangenspitzen ab. „Oh Mann! Der bewegt sich gar nicht!“, schimpft Jorin. „Versuch’s nochmal“, ermutigt ihn Joachim Lange. „Du brauchst nur etwas Geduld, auch die musst du lernen.“ Gemeinsam mit Lange gelingt es den beiden schließlich, den Stamm eine halbe Umdrehung zu rollen. „Ich hab den Stamm gedreht“, jubelt Jorin. „Ihr zusammen habt das geschafft“, verbessert Joachim Lange. „Nur als Team können wir so was erreichen.“

Die Packzangen haben schon tiefe Spuren in die Rinde gegraben, helles Holz schimmert durch schwarzbraune Rinde. „Guck mal, wie nackig der Baum schon ist“, ruft Connor. Joachim Lange erkennt den Moment für spontanen Bio-Unterricht. „Hast du schon mal gefühlt, wie glitschig das Holz direkt unter der Rinde ist?“, fragt Lange. Connor erspürt die Feuchtigkeit mit seinen Fingern. „Da unter der Rinde pumpt der Baum das Wasser nach oben“, erklärt Lan

Die Lektionen folgen Schlag auf Schlag: Am Baumstumpf berechnen die Kinder anhand der Jahresringe, dass die Kiefer etwa 110 Jahre alt war. Und als der Lehrer auf Anmols Schulter eine Spannerraupe entdeckt, folgt ein Exkurs zu Tarnungen im Insektenreich: „Wenn ein Vogel kommt, streckt sich die Raupe aus und tut so, als ob sie ein Ast wäre.“

Bis auf gefährliche Forstarbeiten wie Holzeinschlag dürfen die Kinder im Wald bei allen Aufgaben mitmachen. Sie verstehen, warum der Förster bestimmte Bäume fällt, wer das Holz braucht, wie man Bäume pflanzt und wie sie wachsen. „Dabei kann man unendlich viel lernen“, betont Joachim Lange, „über Naturraum und Umwelt, Tiere, Pflanzen und Ökosysteme.“ Inzwischen zieht das Rückepferd Fritz das erste Stück Stamm schon zur Forststraße, erst dort übernimmt der Traktor. Der Einsatz von Pferden schützt Pflanzen und Waldboden. Fritzens Stall ist direkt neben der Waldhofschule. Hier können die Kinder reiten lernen. Der enge Kontakt zu den wuchtigen Tieren ist für Menschen mit Behinderung eine wichtige Methode, um den eigenen Körper entspannt zu erleben.

„Toll, dass Fritz den Stamm ganz alleine ziehen kann“, lobt Leni. Die Achtjährige entpuppt sich im Stadtwald als Naturtalent:

Gemeinsam mit ihrer Freundin Mercedes hobelt sie mit einer langen Hobelzahnsäge in Windeseile eine Scheibe vom frischgefällten Stamm ab. Das Sägemehl rieselt im dichten Strom aus dem Stamm. „Hört ihr die alte Säge, wie sie singt“, ruft Joachim Lange begeistert. Etwas weiter weg hacken Connor und Jorin auf einen Stamm ein und üben unter Aufsicht den Umgang mit der Axt. Es klingt, als schlügen sie im Takt der singenden Säge... ein echtes Waldkonzert – sogar Musikunterricht kann der Schulförster im Wald geben: Typisch Joachim Lange. Echt Stephanus!

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