Stephanus Jahresbotschaft 2023

Auf grünem Textiluntergrund steht die Jahreslösung 2023 der Stephanus-Stiftung "Hingucker".© Engin Akyurt/unsplash

Jahreslosung 2023 (1. Buch Mose Kapitel 16, Vers 13)

„Du bist ein Gott, der mich sieht“

Ich denke, das ist eine ganz bedeutende Aussage, die hier gemacht wird. Hagar, eine Ausländerin, eine Sklavin, nennt Gott beim Namen. Die Geschichte kennen Sie vielleicht: Der Urvater Abraham und seine Frau Sarah sind kinderlos. Abraham soll mit Sarahs Sklavin Hagar ein Kind zeugen, dass dann als das eigene von Sarah angenommen werden kann. Das war seinerzeit nicht unüblich. Doch als Hagar wirklich schwanger ist kommt es zum Streit mit Sarah. Um deren Zorn zu entkommen, flieht Hagar in die Wüste und begegnet dort einem Engel. Er sagt zu ihr: „Der Herr hat dein Elend erhört“. So erkennt Hagar Gott selbst in seinem Boten und bekennt: „Du bist ein Gott, der mich sieht“.

Ich finde, das ist eine ganz wunderbare Bezeichnung für Gott. Denn er schaut nicht weg, nein, er sieht hin, er sieht mich. Und zwar so, wie ich gerade bin, in welcher Situation auch immer. Liebevoll schaut er nach mir, ob es mir auch gut geht.

Man könnte also sagen, für Gott sind wir Menschen ein „Hingucker“.

Und das erkennt Hagar, dort in der Wüste. Sie hat in dieser menschenfeindlichen Umgebung ein persönlich ansprechbares Gegenüber gefunden, und das kommt hier mit dem „DU bist ein Gott, der mich sieht“, ganz stark zum Ausdruck.

Als Sklavin kennt Hagar eigentlich nur Verachtung und Ausgrenzung. Sie soll dienen aber als Mensch unsichtbar doch immer verfügbar sein. Dann aber, in einer wirklich dramatischen Situation, passiert der Hagar etwas ganz anderes. Es kommt zu einem gegenseitigen sehen und gesehen werden mit Gott.

Sie ist darüber ganz erstaunt und fragt sogar nach: „Habe ich hier wirklich denjenigen gesehen, der sich nach mir umsieht?“ Also ausgerechnet nach mir? Einer Sklavin?

Vielleicht wissen Sie ja auch aus eigener Erfahrung wie das ist, wenn man sich ganz allein gelassen fühlt. Ganz auf sich gestellt ist. Wenn wir mit Missachtung und Ausgrenzung zurechtkommen müssen, weil wir keine konforme Auffassung haben oder die Welt anderes sehen. Vielleicht fühlten auch Sie sich schon einmal wie jemand, über den einfach verfügt wird.

Und plötzlich, wenn wir vielleicht schon aufgeben, wir uns zurückziehen oder weglaufen wollten da wird uns auf einmal, ganz unerwartet, Beachtung zu teil. So wie wir es von Haga hier lesen: Da kommt jemand und schaut nach uns, beachtet uns.

Es geht hier nicht um Kontrolle. Sonderns es geht um Beachtung und Wertschätzung. Die rechtlose Sklavin Hagar erlebt genau das in der Wüste. Und im Text wird sogar ein Ort bezeichnet. Die Begegnung fand an einem Brunnen statt. An einer Quelle frischen Wassers. Das ist ein Zeichen für das Leben, für die Wiederbelebung, die einen Neuanfang ermöglicht.

Ich finde, gerade in diesen Zeiten ist das eine sehr tröstliche und wichtige Erfahrung. Sie kann uns ermutigen und bestärken. Trotz allem, was um uns herum geschieht, was wir auch tun, Gott wendet sich nicht von uns ab. Nicht in Zeiten der Not und des Krieges, nicht in der Wüste.

In dieser Zusage Gottes sehe ich aber auch eine Aufforderung an uns, nicht die Augen zu verschließen, wenn es unangenehm wird. Nicht wegzusehen, wenn unsere Aufmerksamkeit und vielleicht sogar unsere Hilfe benötigt wird.

Wer sollte denn für uns zum „Hingucker“ werden?

Ich ertappe mich hin und wieder dabei, dass ich meinen Blick abwende: manchmal von Menschen, die mir nicht sympathisch sind oder manchmal von einer schwierigen Situation, der ich lieber ausweichen möchte. Oder wenn ich die schrecklichen Bilder hungernder Kinder oder frierender Menschen in Kriegsgebieten sehe, möchte ich am liebsten meine Augen verschließen und den Fernseher ausmachen.

Gott aber gibt uns durch diese Geschichte mit Hagar ein ganz anderes Beispiel. Er schaut nicht weg. Durch seinen Engelsboten ist er ganz präsent und nah.

Nach allem, was wir von ihm wissen, war wohl auch unser Stiftungsgründer Pfarrer Ernst Berendt so einer, der nicht weggeschaut hat. Vielmehr hat er an seinem Dienstort, dem Berliner Frauengefängnis Barnimstraße, nicht nur die verurteilten und gescheiterten Frauen gesehen, die eigentlich kaum mehr eine Chance hatten. Ich glaube, er sah, was andere nicht mehr sehen wollten: von Gott geliebte Menschen. Und diesen Frauen ermöglichte er vor 145 Jahren mit der Gründung der Bethabara-Stiftung einen Neuanfang, eine Perspektive für ihr Leben und oft genug auch für das Leben ihrer kleinen Kinder.

Für mich ist Pfarrer Ernst Berendt einer dieser Hingucker, an die wir uns gerade in diesem Jahr, mit diesem Bibelwort erinnern sollten. Er gibt uns bis heute mit seinem Wirken ein gutes Beispiel.

Die Sklavin Hagar macht die Erfahrung, dass sie auch in der Wüste, in der Ausweglosigkeit nicht allein ist. Und darauf können wir uns auch heute verlassen: Gott schickt seine Helfer*innen, die nach uns schauen. Darauf können wir ertrauen, wenn sich die Welt um uns herum in Chaos aufzulösen scheint: Gott ist und bleibt uns ganz nah, er sieht uns. Und er bestärkt uns, dass wir auch selbst hinschauen.

Diakon Martin Jeutner