Erinnern und Anerkennen

Ein partizipatives Stephanus-Projekt

Ein Mann sitzt vor der Kamera und dem Mikrofon und schaut nach vorn zu einer Frau und einem Mann.© Frank Wappler -

Bewegende Momente bei den Dreharbeiten in Haßleben.

Menschen, die ihre Kindheit und Jugend in DDR-Heimen verbracht haben, verbinden mit dieser Zeit häufig auch leidvolle Erfahrungen. Bei vielen älteren Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung, die heute in Stephanus-Wohnangeboten leben, sind solche Erlebnisse immer noch präsent. Aber es gibt wenige Gelegenheiten, konkret diese Erfahrungen zu thematisieren und aufzuarbeiten. 
Daher hat der Geschäftsbereich Wohnen und Assistenz das großangelegte Projekt „Erinnern und Anerkennen“ ins Leben gerufen. Möglich gemacht wurde es durch die Erika Schwalbe-Riel Stiftung.

Die Ziele sind: 

  • Das Unrecht anerkennen, das die Betroffenen in DDR-Zeiten erlitten haben
  • Angebote schaffen, die den Betroffenen helfen, Frieden mit ihrer Vergangenheit zu schließen und gestärkt daraus hervorzugehen
  • Mitarbeitende schulen über die Themen Behindertenhilfe in der DDR, Biographiearbeit und Umgang mit traumatischen Erfahrungen von Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung

Insgesamt 14 Stephanus-Wohnangebote in Berlin und Brandenburg machten mit. Unterschiedlichste Angebote wurden geschaffen, die seit Januar 2025 die Bewohner*innen darin unterstützen, traumatische ebenso wie positive Ereignisse aufzuarbeiten. Einige Teilprojekte möchten wir hier vorstellen:

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Ein roter Stuhl steht vor der Kamera. Auf dem Stuhl und auf dem Boden liegen schwarz-weiße Fotos.
© Frank Wappler
Haßleben

Vom Suchen und Finden

In Haßleben fand ein aufwändiges Teilprojekt statt: ein Film unter dem Titel „Vom Suchen und Finden“. Der Filmemacher Andreas Wieland konnte für das Projekt engagiert werden, und im August gingen die Dreharbeiten los: Drei Tage lang befragte Andreas Wieland Bewohner*innen nach ihren Erlebnissen in DDR-Heimen. Sie sprachen über ihre Lebensgeschichte, zeigten Erinnerungsstücke und beförderten bewegende Erlebnisse zutage. Sie sind die Hauptdarsteller*innen im Film und übernahmen zugleich wichtige Aufgaben am Set. Insgesamt waren 14 Bewohner*innen sowie einige Mitarbeitende beteiligt. „Das Drehen war eine sehr berührende Erfahrung und im besten Sinne inklusiv“, schildert Andreas Wieland. „Für die Betroffenen bedeutete es eine große Wertschätzung, dass sie mit ihren Geschichten so in den Mittelpunkt gestellt wurden.“ 

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Eine Seniorin tippt mit einem Finger auf die Tasten einer alten Schreibmaschine.
© Manja Erdmann
Waldhof Templin

Auch schöne Momente

Es waren oft bedrückende Erinnerungen, die die Projektgruppe im Waldhof aufarbeitete. Aber dennoch blickt Manja Erdmann vom Begleitenden Dienst mit Dankbarkeit auf die letzten Monate: „Wir hatten auch schöne Momente, die wir gemeinsam erleben durften. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und der Vergleich mit heute waren sehr intensiv und erkenntnisreich.“ Angeboten wurden ein Erzählcafé, initiiert von Jörg-Uwe Krüger, in dem die Teilnehmer*innen die eigene Geschichte im Gespräch erforschten, und eine Theatergruppe, die diese erinnerten Geschichten aufgreift. Geleitet wurde diese von Manja Erdmann und Matthias Runge. In der szenischen Darstellung schlüpfen die Akteur*innen in Rollen von früher und stellen alltägliche Szenen nach: das Tippen auf der Schreibmaschine, Einkaufen gehen etc. Aus den einzelnen Szenen entsteht zurzeit ein Film.

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Zwei Hände halten eine verkleidete Kuscheltierkatze und eine handgenähte Handpuppe.
© Manja Erdmann
Waldhof Templin

Was Sprache nicht vermag

Im kunsttherapeutischen Angebot im Waldhof nutzen die Teilnehmer*innen Bilder, um auszudrücken, was Sprache nicht hinreichend vermag. „Über das Bildgeschehen kann ganz viel dargestellt werden“, erklärt Kunsttherapeutin Santana Krause ihre Arbeit. Zwei Stunden pro Woche gehörten ganz den Teilnehmer*innen – ein Raum der Selbstbestimmung und -ermächtigung, in dem jeder künstlerische Ausdruck seine Berechtigung und Bedeutung hat. Meist wurde gemalt und gezeichnet, gelegentlich auch mit Ton gearbeitet oder genäht. Den Betroffenen fällt es oft schwer, sich Neues zu trauen. Daher sind auf den ersten Blick klein wirkende Veränderungen ein großer Schritt – wenn beispielsweise zu einem größeren Format gewechselt wird. Ein Fazit? „Kunsttherapie kann ganz viel auslösen, auch wenn das für die Außenwelt nicht sichtbar ist“, resümiert Santana Krause.

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Viele Senior*innen und eine junge Frau sitzen beim Kaffee im Kreis und schauen sich alte Fotos an.
© Jenny Machalinski
Berlin-Weißensee

Erinnerungen teilen

Im Katharina-von-Bora-Haus in Weißensee wurden an mehreren Terminen Erzählcafés angeboten – auch für Bewohner*innen der ambulanten Wohnangebote – an denen zunächst nur wenige Bewohner*innen teilnahmen. „Vielleicht liegt es daran, dass in den zurückliegenden Jahren im Rahmen der Biographiearbeit bei vielen Bewohnerinnen und Bewohner bereits eine intensive Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit erfolgt ist“, vermutet die Leiterin des Hauses, Michaela Sommer. Doch beim letzten Termin am 13. November war alles anders: „Es sind überraschend viele Bewohnerinnen und Bewohner gekommen, und es war ein toller Nachmittag bei Kaffee und Kuchen. Alte Fotoalben wurden durchgeblättert und interessante Gespräche geführt.“ Auch sind neue Projekt-Ideen entstanden, die wir 2026 umsetzen möchten.

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Viele Senior*innen sitzen beim Kaffee in einem Café und schauen sich alte Fotos an.
© Kira Talg
Waldhaus Bad Freienwalde

Begegnungen im Café Mühlenfließ

Das Café am Mühlenfließ in Bad Freienwalde ist ein Treffpunkt für Senior*innen. Anlässlich des Projektes „Erinnern und Anerkennen“ schlossen sich Bewohner*innen des Waldhauses den Treffen an. So entstanden viele Begegnungen – und Kontakte aus dem früheren Arbeitsleben zu DDR-Zeiten wurden neu belebt. Ein längeres Treffen im Herbst bot einen ruhigen Rahmen, alte Fotoalben durchzuschauen, durch die Chronik des Waldhauses zu blättern und damit Erinnerungen wachzurufen. Das Senioren-Mühlencafé wird im kommenden Jahr fortgeführt.

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Ein Mann sitzt mit dem Rücken zur Kamera und schaut sich eine schwarz-weiße Informationstaffel an.
© Katharina Höldtke
Potsdam

Zeitreise im Museum

Im stationären Pflegewohnen in Potsdam ist noch eine ganze Reihe von Projekten geplant: Sorgenfresser selbst herstellen, Lieblingsspeisen von früher nachkochen, Ausflüge in die Natur… Außerdem war eine Gruppe von Bewohner*innen im Potsdam Museum und hat sich von den historischen Ausstellungsgegenständen zu eigenen Erinnerungen anregen lassen.

Unser Projekt in den Medien

Auch die Medien interessierten sich für unser Projekt "Erinnern und Anerkennen". Wir freuen uns besonders über die folgenden beiden Berichte:

Bewegendes Projekt gibt Einblick in das Schicksal behinderter Menschen in der DDR  - Artikel im Nordkurier vom 15. Januar 2026 

"Späte Aufarbeitung" - Beitrag im radio3 von rbb am 30. November 2025