06.02.2026 - Friedenskirche

Aktion Sühnezeichen: Erfahrungsbericht der Freiwilligen Juliane Herfarth

Mein Freiwilligendienst mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste
bei l’Arche Bruxelles in Brüssel, Belgien

Vier Jugendliche haben gute Laune und sitzen abends vor einer mit Graffiti beschriebener Wand.© Archiv Stephanus-Stiftung -

Unser Freiwilligenteam

Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) entsendet junge Erwachsene an Orte der Erinnerung und Versöhnung. Die Stephanus-Stiftung unterstützt dieses Vorhaben jährlich durch finanzielle Förderung eines Freiwilligen. Im September letzten Jahres wurde Juliane Herfarth nach Brüssel entsandt, wo sie Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen in einer inklusiven Wohngemeinschaft unterstützt. Hier ist ihr Erfahrungsbericht.

Liebe Patinnen und Paten, 
nun ist es schon fast drei Monate her, dass ich hier in Brüssel angekommen bin. Drei Monate, in denen ich schon ziemlich viel erlebt habe. Doch zuerst nochmal etwas zu mir: Ich heiße Juliane, bin 19 Jahre alt und komme aus Berlin. Diesen Sommer habe ich mein Abitur gemacht und habe mir vorher schon Gedanken gemacht, was ich danach machen könnte. Ich wollte etwas Sinnvolles tun, etwas, was nicht nur mich weiterbringt, sondern vielleicht auch die Menschen um mich herum. Durch verschiedene Bekannte bin ich dann auf die Organisation „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“ gestoßen, die seit über 60 Jahren Freiwillige aus Deutschland ins Ausland entsendet, um sich für eine gerechte und friedliche Welt zu engagieren. Ende 2024 habe ich mich also bei ASF auf einen Freiwilligendienst beworben und wurde daraufhin für ein Informations- und Auswahlseminar im Januar eingeladen.

Es geht los… 
Das Ausreiseseminar fand in Hirschluch, Brandenburg, statt und dauerte fünf Tage. Wir waren fast 150 Freiwillige und ich weiß noch, wie ich dachte: Wie soll ich in so einer kurzer Zeit so viele neue Menschen kennenlernen? Letztendlich habe ich wohl auch nicht alle kennengelernt, jedoch fand ich schnell ein paar Leute, durch die die Woche sehr schön wurde. Durch verschiedene Workshops und auch eine Exkursion ins Jüdische Museum konnte ich noch viel über die Geschichte von ASF, das Judentum und mein zukünftiges Tätigkeitsfeld lernen. Die verschiedenen Themen haben interessante Diskussionen angeregt und ich konnte vieles mitnehmen, was ich vorher noch nicht wusste. Nach einem letzten, ausgelassenen, „bunten“ Abend, bei dem jede Ländergruppe etwas aufführte, ging es mit dem Zug nach Brüssel.

Mit ziemlich viel Gepäck beladen machten wir 15 Freiwillige uns auf den Weg. Viele von uns waren davor noch nie in Belgien gewesen, auch ich nicht, und wir waren sehr gespannt, was uns erwarten würde. In Bruxelles Midi angekommen, wurden wir von unserem Landesbeauftragten und der studentischen Mitarbeiterin in Empfang genommen. Der erste Eindruck der Stadt trübte unsere Stimmung etwas: am Bahnhof roch es penetrant nach Urin, der Himmel war grau und die Metro war für zweieinhalb Stunden lahmgelegt, was unsere Fahrt zur Jugendherberge etwas erschwerte. Im Laufe der Seminarwoche in Brüssel konnten wir zum Glück auch die schönen und interessanten Seiten der Stadt entdecken. Wir besuchten das European Jewish Community Center (EJCC), wo uns der Direktor der Organisation, Rabbi Avi Tamil, etwas über jüdische Traditionen und die Arbeit der Organisation erzählte. Dies fand ich sehr spannend und es war schön über das Judentum zureden, ohne nur auf die Shoah einzugehen. Am Abend erkundigten wir Freiwilligen Brüssel, sahen den Königspalast und tranken unser erstes belgisches Bier auf dem Kunstberg. Das war sehr schön und ich bekam langsam das Gefühl, dass die Stadt wohl doch mehr zu bieten hatte, als ich erwartet hatte. Während der nächsten Tage lernten wir viel über die Geschichte Belgiens, die Aufteilung des Landes (Flandern, Wallonien und Brüssel) und die erst wenig aufgearbeitete koloniale Vergangenheit. Dazu besuchten wir das sogenannte „Afrikamuseum“ und mir fiel vor allem auf, wie verharmlost die Geschichte dargestellt wird. Wir hatten jedoch einen sehr guten, kritischen Guide, der vieles selber hinterfragte.

Je näher der Dienstbeginn in der Arche rückte, desto aufgeregter wurde ich. Doch sobald meine Vorgesetzte („Responsable“) eine Mitfreiwillige und mich von der Jugendherberge abholte, wusste ich: die Aufregung war unnötig gewesen. Sie war sofort sehr herzlich und sagte mehrmals, wie doll sich die BewohnerInnen auf uns freuen würden. Mit im Auto saß auch Christian, ein Bewohner aus einem anderen Haus („Foyer“) der Arche. Er plapperte die ganze Zeit vor sich hin, rollte das Fenster herunter und begrüßte fast jeden Obdachlosen, den er auf der Straße sah. Als wir dann das niedliche Reihenhaus mitten in Etterbeek, einem sehr schönen, familiären Stadtteil, betraten, wurde mir klar, dass dies überhaupt nicht die „Einrichtung“ war, die ich mir vorgestellt hatte. Es sieht hier nach einem ganz normalen Familienhaus aus; mit drei Etagen, einem großen Wohn- und Esszimmer und einem rumpeligen Keller. In unserem Foyer angekommen, aßen wir direkt Mittagessen. Melissa, eine Bewohnerin, hatte ihr altes Kindermädchen und deren Mann eingeladen und war sehr stolz auf die Quiche, die sie dafür gebacken hatte. Dass es für alle so normal war, Gäste zu empfangen, zeigte mir, wie offen und gastfreundlich das Haus ist. Am Tag darauf, an meinem ersten Arbeitstag, habe ich die gläubigen BewohnerInnen mit meiner Responsable zur Messe communautaire begleitet. Der Raum war voll mit BewohnerInnen aus den verschiedenen Häusern und ich konnte zum ersten Mal die Archengemeinschaft erleben.

Meine Arbeit 
Ich mache meinen Freiwilligendienst in der Arche in Brüssel. Sie besteht aus vier verschiedenen Wohngemeinschaften („Foyers“). Bei uns sind das Reihenhäuser, die sich alle in dem gleichen Stadtteil, Etterbeek, befinden. Sie heißen „Le Toit“, „Cana“, „La Branche“ und „La Ruche“, welches mein Foyer ist. Das erste Foyer, das Toit, wurde 1971 von einem Priester gegründet. Das Besondere an den Foyers ist, dass sie die Größe eines Familienhauses haben. So, kann sich jede/r BewohnerIn wirklich zuhause fühlen. Zusätzlich zu den Foyers gibt es auch noch ein Tageszentrum der Arche, das „Grain“. Dort gehen einige BewohnerInnen unter der Woche hin und machen dort Projekte, wie Kerzenziehen und Mosaik, oder auch sportliche Tätigkeiten, wie Zirkus oder „Snoezelen“, ein Workshop, um sich zu entspannen. Dadurch ist die Woche durchgeplant und jeder hat etwas vor. In meinem Foyer, der Ruche (dt: Bienenstock), wohnen fünf Menschen mit Behinderung und neben mir noch drei weitere Freiwillige. Zum Team gehören auch noch vier Hauptamtliche, die mit uns arbeiten.

Wir Freiwilligen arbeiten entweder morgens oder abends, am Wochenende auch den ganzen Tag lang. Die Morgenschicht beginnt um 6:45 Uhr, um die ersten Bewohner zu wecken. Daraufhin bereiten wir das Frühstück vor, schnippeln Obst und räumen die Spülmaschine aus. Peu à peu kommen dann alle BewohnerInnen zum Frühstücken. Einen Bewohner müssen wir immer zu seinem Tageszentrum begleiten, die anderen werden entweder abgeholt oder gehen eigenständig zu ihrem Tageszentrum. Nachdem alle aufgebrochen sind, kümmern wir uns um den Haushalt. Dazu gehört Wäsche waschen, die Küche aufräumen und putzen. Besonders im letzten Monat war dies sehr stressig, weil eine Gesundheitsbehörde zur Kontrolle vorbeikommen sollte und das Foyer im Juni noch Mäuse im Keller hatte. Nachmittags um 16 Uhr fängt dann die spätere Schicht an. Alle kommen aus dem Tageszentrum zurück und es findet das Goûter (dt: Snack) statt. Dort erzählen sich alle, wie ihr Tag war, während man Obst und Joghurt isst. Dann müssen wir A., eine Bewohnerin, bei ihrer Dusche begleiten. Dabei muss man sie nicht berühren, sondern kann pantomimisch vormachen, wo sie sich waschen muss. Anfangs war die Dusche etwas, wovor ich viel Respekt hatte, aber schnell wurde es Teil der Routine. Außerdem macht es teilweise auch richtig Spaß, weil A. immer Musik von ihrem CD-Player aus anmacht und wir zusammen singen Die BewohnerInnen der Ruche und ein bisschen tanzen. Danach kochen wir zu Abend, wobei immer ein anderer Bewohner mithilft. Das Essen dauert immer ziemlich lange, weil ein Bewohner sehr langsam isst. Nach dem Essen gehen alle nach oben ins Wohnzimmer und wir trinken noch einen Tee. Um 21:00 Uhr gehen dann alle Richtung Bett und wir helfen P., C. und T. bei ihrer Abendroutine. P. muss man sein Gebiss rausnehmen und die Zähne putzen. C. bekommt diverse Cremes aufgetragen, dann macht man noch mit ihm das Planning für den folgenden Tag. T. darf noch für eine halbe Stunde seinen Laptop benutzen und telefoniert dann noch mit seiner Mutter. Meistens muss man dann noch ein bisschen Zeit einplanen, da T. sehr viel Redebedarf hat und öfters getröstet werden muss, weil ihn kleine Sachen sehr mitnehmen. Er hat außerdem Schlafprobleme und geht nachts in die Küche, um etwas zu essen. T. hat jedoch eine erhöhte Gefahr sich zu verschlucken, weshalb wir den Käse und den Kaffee (seine beiden Lieblingsspeisen) nachts immer in den Keller stellen, den man abschließen kann. Für die Nacht sind zwei Freiwillige eingeteilt, jedoch ist bisher noch nie etwas passiert und man kann immer entspannt schlafen gehen. Am Wochenende haben wir sehr viel mehr Zeit mit den BewohnerInnen und können zusammen malen, Armbänder machen, Spazieren gehen oder ins Café gehen. Insgesamt kann ich sagen, dass mir die Arbeit großen Spaß macht, weil sich so enge Beziehungen zu den BewohnerInnen entwickeln. Wir lernen uns sehr gut kennen, die BewohnerInnen erzählen von sich und ich kann auch von mir erzählen. Wir tanzen manchmal in der Küche zu Johnny Hallyday zusammen, das Lieblingslied von P. ist „Allumer le feu“. Gleich in meiner ersten Arbeitswoche hat P. sich mit seiner Luftgitarre auf die Knie geworfen und laut mitgesungen. Solche Momente haben mir geholfen, mich schnell in dem Foyer wohlzufühlen.

Eine Sache, die mir schnell aufgefallen ist und mir in letzter Zeit nochmal klarer geworden ist, ist, dass wir Freiwilligen sehr viel Verantwortung auferlegt bekommen. Teilweise arbeiten wir einen ganzen Tag lang ohne Hauptamtliche. Vor allem am Anfang hat mich das ein bisschen überfordert, gleichzeitig aber auch geschmeichelt, da dies ja ein großes Vertrauen der Arche gegenüber den Freiwilligen zeigt. Es ist auch irgendwie schön, weil man so das Gefühl bekommt, richtig gebraucht zu werden. Außerdem bietet die Arbeit mit neuen Freiwilligen jedes Jahr eine Öffnung nach außen, sodass Inklusion geschaffen werden kann, wie sonst nicht.

Neben der Arbeit treffe ich mich oft mit den Freiwilligen aus den anderen Foyers, gehe tanzen, auf Konzerte und habe schon andere ASF-Freiwillige in Amsterdam und Paris besucht. 

Ich freue mich sehr auf die nächsten Monate hier in der Arche und bin gespannt, was sich noch weiter entwickeln wird.

An dieser Stelle würde ich mich gerne herzlich bei Euch, lieben Patinnen und Paten danken, ohne Eure Unterstützung wäre mein Dienst in Brüssel und die ASF-Arbeit nicht möglich. Einen ganz herzlichen Dank auch an die Stephanus-Stiftung, die meinen Freiwilligendienst großzügig fördert.

À bientôt, 
Juliane