Der Stephanus-Hospizdienst benötigt dringend Unterstützung in der „Ehrenamtsarbeit Hospizbegleiter“. Insbesondere der Standort in Berlin-Buch. Dort gab es bis 2020 so gut wie keine Hospizarbeit. Ein weißer Fleck in der Berliner Hospizlandschaft. Seit 2020 sind wir mit einem Kiezladen vor Ort und ein fester Kooperationspartner im SAPV-Netzwerk und den Kliniken auf dem „Gesundheits-Campus“.
Eine ehrenamtliche Sterbebgleiterin berichtet:
"Hallo, ich bin die Sarah vom Hospizdienst." sage ich, nachdem ich an die Tür vom Pflegepersonal der Station angeklopft habe. Eine der Pflegedamen kommt aus dem hinteren Zimmer und begrüßt mich. So langsam kenne ich alle, die hier arbeiten. Ich betrete das Zimmer und frage, an wessen Tür ich heute klopfen darf. "Na, mal sehen..." sagt die Schwester und guckt auf ihren schlauen Belegungszettel. "Also, Sie können es gern mal bei Herrn B. versuchen, der ist seit vier Tagen hier und hatte bisher noch keinen Besuch und Frau K. würde sich mit Sicherheit auch freuen." Sie nennt mir noch die jeweiligen Zimmernummern und ich gehe den Gang hinunter.
Als ich vor der ersten Tür stehe, atme ich noch einmal tief durch und klopfe. Obwohl ich inzwischen schon an recht viele Türen geklopft habe, ist es jedes Mal aufs Neue eine (positive) Anspannung, die mich für einen Moment befällt. Ich dringe hier in die Privatsphäre einer anderen Person ein, die nicht selten in ihrem Bett liegt. Noch dazu kennen wir uns nicht. Was wird mich wohl heute erwarten? Besonnen öffne ich die Tür "Guten Tag Herr B. - Scharlemann mein Name. Ich komme vom Besuchsdienst und befinde mich gerade auf meiner Runde über die Station. Haben Sie Zeit und Lust, sich ein wenig mit mir zu unterhalten?"
Herr B. guckt ein wenig irritiert. "Wer sind Sie und was möchten Sie von mir?" fragt er.
"Ich bin eine ehrenamtliche Besucherin und bringe Zeit und zwei offene Ohren mit. Wie geht es Ihnen heute?" antworte ich.
"Och, ja, ganz okay. Ein bisschen müde aber bei der Hitze..." das Eis ist gebrochen. Ich schließe die Tür und Herr B. bedeutet mir, auf einem der beiden Stühle Platz zu nehmen.
Wir reden über das Wetter, das schöne Außengelände, sowie vom Klinikessen und den zugewandt umsorgenden Pflegekräften. Er erzählt mir von seiner Krankheitsgeschichte, seinen beiden Kindern und dass er so gerne noch einmal nach Hause möchte. Nach ca. einer Stunde wird er rapide müder und wir verabschieden uns.
Das Gespräch mit Frau K. ist kürzer, aber dafür um einiges emotionaler. Sie ist sehr traurig um all die Dinge, die sie nun nicht mehr wird tun können. Wir geben ihrer Trauer Raum und Berechtigung und schweigen sogar mehrfach einige Minuten miteinander. Im Gegensatz zu Herrn B. ist sie erst Mitte 40. Bei der Verabschiedung lächelt sie kurz und bedankt sich "Wenn mein Besuch kommt, versuche ich immer, zuversichtlich und stark zu sein. Es hat gut getan, einfach mal traurig sein zu dürfen." Das berührt mich und ich lächle zurück. "Ich danke Ihnen für ihre Zeit, ihre Geschichte und ihr Vertrauen!", sage ich und beende meinen heutigen Einsatz auf der Palliativstation.
Auch heute arbeitet das Erlebte auf dem Heimweg noch ein wenig in mir. Ich mache das wirklich gerne! Das Thema Tod ist solch ein Tabuthema, es betrifft uns alle und verbreitet Unsicherheit und Berührungsängste. "Ich könnte das nicht!" sagen meine Freunde. Doch tatsächlich reden die wenigsten Menschen direkt über den Tod. Ich erfahre so vieles über den jeweiligen Menschen und finde es jedes Mal auf's Neue spannend, wie unterschiedlich die Gespräche verlaufen. Ich lerne so viel! Zum Beispiel erzählte mir ein Herr, dass er LKW Fahrer durch ganz Europa sei und in der Ukraine eine Straßenkatze aufgelesen hätte, die nun immer mit ihm reise! Ein anderes Mal lernte ich von einem leidenschaftlichen Aquaristiker eine Menge über Fische und Aquarien. Es gibt Gespräche über gesellschaftliche und politische Themen, über Kinder und Erziehung sowie Kochtipps von erfahrenen Hausfrauen. Ich gehe mit offenen Ohren und offenem Herzen ins Gespräch und werde reich beschenkt. Natürlich treffen mich auch Wut, Unmut und Beschwerden über dies und das. Doch dank Elisabeth Kübler Ross und natürlich allem voran meiner umfassenden Ehrenamtsausbildung, weiß ich das nicht auf mich zu beziehen und so führen selbst diese Gespräche immer irgendwann aufeinander zu und werden mit beidseitigem Dank beendet. Selbst oder besonders an Tagen, an denen ich meine eigenen Probleme wälzend dort ankomme, verlasse ich die Palliativstation stets mit einem tiefen Gefühl von Zufriedenheit, Dankbarkeit und Demut ... und dem Gefühl, etwas Wichtiges und menschlich sehr Verbindendes zu tun.
Sarah S.
Ehrenamtliche im Stephanus-Hospizdienst
Weitere Informationen zum neuen Vorbereitungskurs zum/zur ehrenamtlichen Lebens- und Sterbebegleiter*in:
Ehrenamtliche gesucht (PDF nicht barrierefrei)
Frank Wappler
Koordinator Stephanus-Hospizdienst
